Dinge, die uns vom Leben abhalten

Wenn ich mich mit Menschen unterhalte, die meine Bücher gelesen haben und ein wenig von meiner Geschichte kennen, höre ich immer wieder folgende Worte: “Ich weiß nicht, ob ich so mutig sein könnte!” oder

Ich habe zu viele Verpflichtungen, um so einen Schritt zu wagen.

Dinge, die uns vom Leben abhalten

Ich kann mich nur zu gut in diese Denkweise hineinversetzen. Schließlich habe ich früher selbst einmal so gedacht. Meine Kindheit hindurch wurde ich auf Leistung getrimmt, meine künstlerischen Ambitionen wurden in die Freizeit gedrängt und eine Arbeit suchte man sich am besten nach der besten Zukunftsperspektive aus. Dieses Verhalten hat seinen Ursprung in dem stark ausgeprägten Sicherheitsbedürfnis unserer Gesellschaft. Wer wünscht sich nicht ein sorgenfreies Leben?

Der Sprung in das Unbekannte birgt Gefahren

Wenn man jedoch mal ehrlich zu sich ist, dann ist diese Angst, die uns davon abhält, aus dem Leben auszusteigen (das muss ja nicht einmal in ein anderes Land sein, sondern es kann einfach nur der Traum von einem neuen Job sein), in unserer Zeit und in unserer Gesellschaft gar nicht so bedrohlich, wie sie es mal war, als der Ur-Mensch diese Angst entwickelte, um sein Überleben zu sichern. Wenn wir kündigen, um einen anderen Job zu suchen, wenn wir in eine andere Stadt ziehen, in der wir keine Freunde haben, in der wir aber die Landschaft und das Klima lieber mögen, oder wenn wir eine Partnerschaft aufgeben, weil sie uns nur lähmt statt zu beflügeln, dann geht es uns vielleicht zu Beginn (ein wenig) schlecht mit unserer Entscheidung. Schließlich betreten wir unbekanntes Terrain. Unser Leben ist jedoch nicht in Gefahr. Zu keinem Zeitpunkt! Es ist nur das Neue, das Unbekannte, das diese Angst auslöst.

Es ist die Angst unserer Vorfahren, die lieber in ihrer Höhle geblieben sind und nichts getan haben, anstatt raus zu gehen, um von einem wilden Tier gefressen zu werden.

Als ich damals nach Spanien gegangen bin, war ich mit einem Sicherheitsnetz aufgebrochen. Ich hatte meine Wohnung nur untervermietet und hätte in meinen alten Job zurückkehren können, wenn das mit meinem neuen Leben nicht geklappt hätte. Auch wenn wir kaum Geld dabei hatten, als wir im Bus nach Spanien saßen, hatte ich Freunde im Hintergrund, die mir Geld für eine Rückreise geliehen hätten, um mich in Deutschland arbeitslos melden zu können. Ich hätte beim Scheitern meines Plans trotzdem ein Dach über dem Kopf gehabt und meine Grundversorgung wäre gesichert gewesen. Ich hätte mich auf die Suche nach einem neuen Job machen können, wenn ich den alten doch nicht hätte wieder haben wollen. Aber auch wenn ich keinen anderen Job gefunden hätte, war ich nicht wirklich in Gefahr.

Kein wildes Tier saß vor der Höhle, um mich zu fressen!

Die meisten Dinge, die wir nicht tun, weil wir meinen, dass wir nicht mutig genug dafür wären, vermeiden wir nicht, weil sie nicht umsetzbar sind, sondern weil es bequemer ist, sich mit dem Status Quo zu arrangieren, anstatt auf holprigen Pfaden neue Wege zu erkunden. Das hat nichts mit fehlenden Mut zu tun! Der zweite Grund, der uns hindert, neue Dinge auszuprobieren, ist die Angst vor Kritik aus dem Umfeld, die noch mehr weh tut, wenn die Kritiker recht behalten.

Ich bin mit Sicherheit kein mutiger Mensch. Im Gegenteil. Ich würde mich sogar eher als Schisser bezeichnen. Allerdings bin ich von jeher ein Optimist gewesen. Ich habe die Erfahrung in Spanien machen dürfen, die es mir heute leichter macht, auch Dinge auszuprobieren, die andere Leute für wagemutig halten: Selbst in der dunkelsten Situationen, wenn man das Gefühl hat, dass es keinen Ausweg gibt,  geht das Leben weiter. Solange man nicht stehen bleibt (oder stirbt), geht es voran.

Das Leben hört erst auf, wenn wir es zulassen, wenn wir uns mit dem begnügen, was wir haben.

Mein Leben war sicher nicht immer geradlinig, aber es hat mich dahin geführt, wo ich heute bin. Auch wenn ich nicht im materiellen Luxus schwelge, verfüge ich über das schöne Gefühl, das mit keinem Geld auf der Welt zu bezahlen ist und dessen Fehlen viele Menschen davon abhält, etwas “Dummes” zu wagen: Ich fühle mich rundum sicher. Ich treffe Entscheidungen in meinem Leben, ich trage alle, auch die unangenehme Konsequenzen dafür, aber ich bleibe nicht stehen. Mein Leben ist immer wieder einem Wandel unterworfen, was auch häufig Irritationen in mir auslöst. Das ist auch gut so!

Was mir viel mehr Angst bereiten würde, als die Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen, ist die Angst davor, irgendwann auf mein Leben zurückzublicken und festzustellen, dass ich gar nicht gelebt habe.

Ich bin gespannt, was ihr darüber denkt. Kommentare sind willkommen!