Nachrichten-Fasten tut gut

Kennt Ihr das auch, dass Ihr den Fernseher anmacht und sofort umschaltet, weil die Nachrichten laufen? Also mir geht es immer häufiger so. Ich bin eigentlich kein unpolitischer Mensch, interessiere mich für eine gerechtere Gesellschaft, ein faires Miteinander und alternative Lebensformen. Aber manchmal bin ich so dicht mit Informationen, dass ich das Gefühl habe, dass mein Kopf platzt. Eine Freundin brachte es neulich auf den Punkt:

„Man verkraftet nur eine bestimmte Dosis Realität.“

Ob im Netz oder beim Fernsehen. Ständig haben wir es mit Kriegen, Gewalt und Ungerechtigkeiten zu tun, denen wir nur noch mit einer abgestumpften Gefühlskälte begegnen können, weil wir sonst wahnsinnig werden müssten.

Früher, als es noch nicht das Internet gab und auch der Fernseher uns nicht jeden Abend die Neuigkeiten aus aller Welt ins Wohnzimmer geholt hatte, haben die Leute ihre Nachrichten aus der Zeitung geholt (bzw. davor beim Dorfklatsch einmal in der Woche, wenn man zur Kirche ging). Gelegentlich hatte man sich auf den neuesten Stand gebracht über das, was in der Welt geschah. Ansonsten war das Leben relativ frei von schockierenden Bildern und Texten, die unsere Seele heutzutage bombardieren.

Natürlich gab es zu Großmutters Zeiten auch Kriege, Morde und Diktatoren. Und ich will die Vorzüge unserer Informationsgesellschaft für die Menschen unserer Zeit auch gar nicht abstreiten. Als mündiger Bürger habe ich schließlich die Wahl, welche Informationen ich an mich heranlasse, welchen Medien ich vertraue und welche Nachrichten ich hören möchte. Aber ich sehe eben auch, wie mich diese Masse überfordert und mich im Alltag lähmt.  Ich habe die Erfahrung gemacht, wie gut es mir bzw. meiner Seele tut, wenn ich eine gewisse Zeit komplett auf alles verzichte, was von außen auf mich niederprasselt.

In der Zeit des Nachrichten-Fastens sehe ich überhaupt kein fern, habe kein Internet an und kaufe mir auch keine Zeitungen. Einigen mag dieser Schritt drastisch vorkommen. Schließlich haben wir uns ja schon daran gewöhnt, mit all diesen Informationen irgendwie umzugehen. Multitasking und so. Aber das ist ein Irrtum.

Multitasking bedeutet nichts anderes, als dass sich die Menschen nicht mehr auf eine Sache konzentrieren können.

Vielen Menschen würde dieser radikale Schritt auch deshalb Unbehagen bereiten, weil sie einen Batzen Zeit dazugewinnen würden, der mit Inhalten gefüllt werden muss, wenn man sich nicht mit all den Dingen beschäftigen will, die man jahrelang verdrängt hat. Das passiert nämlich dann, wenn man dem Gehirn Zeit gibt, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Gedanken und Gefühle drängen an die Oberfläche, die wir dank der permanenten Ablenkung erfolgreich unterdrücken konnten. Weshalb ist wohl die Isolationshaft eine Strafverschärfung?

Für mich ist das Nachrichten Fasten zu einem festen Bestandteil in meinem Leben geworden. Mein erstes Jahr in Spanien war der Ursprung dafür. Damals war das Internet noch nicht so weit verbreitet und ich sprach kaum Spanisch, um die Nachrichten im Fernsehen oder in den Zeitungen verfolgen zu können. In diesem Jahr in Spanien kehrte die Leichtigkeit zurück, die mich meine Kindheit hindurch begleitete. In diesem Jahr erkannte ich, dass es Baustellen in meinem Leben gab, die ich angehen musste, wenn das Leben nicht an mir vorbeiziehen sollte.

Derzeit schaue ich regelmäßig Nachrichten und informiere mich über die Themen, die mich interessieren (dank des Internets aus vielen unterschiedlichen Kanälen). Aber ich gönne mir eben auch diese Phasen, in denen ich nichts an mich herankommen lasse. Im Sommer, wenn ich mit meiner Arbeit unterwegs bin, habe ich sowieso kein Fernsehen dabei und lese mit meinem Smartphone nur meine Mails. Alles andere ignoriere ich in diesen drei Monaten. Mir tut das gut. Meiner Seele tut das sehr gut. Ich merke, wie ich nach dieser Zeit, die Nachrichten wieder mit anderen Augen betrachte, sie mich wieder wirklich berühren und ich sie deshalb auch besser verarbeiten kann, statt sie einfach nur zu sehen und danach in die Höhlen meines Unterbewusstseins zu verdrängen.

Wollt Ihr es auch mal probieren? Eine 100%ige Nachrichten-Abstinenz für 4 Wochen?

Schreibt mir, wie es Euch damit ergangen ist. Ich bin neugierig!